AKTUELLES
(gießen, den 20. dezember 2009) Tage der Besinnung, nicht nur kalendarisch. So fragte mich unlängst ein junger Kollege, ob sich meiner Meinung nach "das Theater" sehr verändert habe, seit ich in diesem Gewerbe tätig bin. Ich wollte nicht vom Krieg erzählen und den glorreich absolvierten Schlachten - macht man eh andauernd - und blieb hübsch indifferent. Auf dem Nachhauseweg fiel mir dann ein, wie ich als 24-jähriger Anfänger beim Betreten der Garderobe eines ordentlichen Stadttheaters von einem 53-jährigen gelernten und festangestellten Garderober mit den Worten begrüßt wurde: "Guten Abend, Herr Lugerth. Wie geht es Ihnen? Hier Ihr Hemd, habe es noch mal kurz gebügelt.", während mich heute als 53-jährigen Altgedienten beim Betreten der Garderobe eine 24-jährige unterbezahlte Aushilfskraft empfängt und da spricht: "Duuhu, Christian, Dein Hemd hab ich nicht geschafft zum Bügeln. Des geht doch mal so, oder?" Ein Aspekt von Veränderung, nicht unwesentlich. Vielleicht sogar eine Antwort.Und zu Hause las ich dann in der FRANKFURTER RUNDSCHAU ein schönes Interview mit Thomas Thieme, dessen Auslassungen zum Beruf mir immer viel Freude bereiten. Wieder mal das wahllos ausgewählte Zitat: "Die Theater kapseln sich immer mehr ab, weil das Theater nicht mehr geliebt wird. Und aus dieser Abneigung, die sie empfinden, machen sie sich so eine eigene Welt auf. Die Gesellschaft ist dann per se Scheiße. Das politische Theater stirbt. Das ganze Improvisieren heute hat sich vollkommen überlebt. Es wird aber daran festgehalten, weil es offensichtlich die letzte Erkenntnis ist, die man hatte." Oder: "Im Theater erlebe ich ununterbrochen Diskussionen, was alles nicht geht. Und eine unfassbare Dekonzentration. (..) Man kommt nicht auf den Punkt. Man braucht ewig." Erfrischend. Und Jimmy Hartwig spielt in Leipzig den Woyzeck. Ich denke, das muß ich mir anschauen.
Sonst habe ich mich sehr gefreut über die heutige Wiederaufnahme der "Großen Erzählung". Nach 6 Wochen Pause eine sehr engagierte und heitere Vorstellung. Dank an die beiden "Jungs" und an alle Beteiligten. Wer es noch nicht gesehen hat: die nächsten Termine.
Und meine Inszenierung von "Männer und andere Irrtümer" in Kiel läuft und läuft und läuft. Inzwischen über 50 mal, immer gut gefüllt bis ausverkauft.
(gießen, den 12. dezember 2009) Von der Welt, an der ich mich allzu gern und öfters schmerzlich reibe, sehe ich gerade nicht sehr viel. Fast jeden Morgen ab 9 Uhr hüpfen meine alten Knochen mit immer noch viel Spaß vor leider nicht ganz so viel Kindlein, wie es sich mancher erträumt hat, herum. Und dann am Abend in vielen kleinen Rollen Proben für Heiner Müllers "GERMANIA TOD IN BERLIN". Ost trifft West und immer noch Verständigungsschwierigkeiten. Wobei ich sagen muß: die Neugier und Wachheit weht aus Leipzig nach Gießen herüber. Und viel schöne Sekundärliteratur auf dem Nachttisch u.a. Müllers Interviewautobiographie "Krieg ohne Schlacht". Sehr amüsant. Ein paar wahllos ausgewählte Zitate: "Das ist ja ein Grundproblem des deutschen Theaters, daß die Schauspieler nicht mit den Füßen sprechen. Der Text kommt meistens nur aus dem Kopf." "Ich habe dann ganz instinktiv ein Stück ohne Protagonisten geschrieben. Es wurde dann immer so inszeniert, als wäre da ein Held. Dieser Blick ist aber rein ideologisch." "Ein wesentliches Strukturelement von Theaterarbeit ist die Intrige, sind Rivalität und Feindschaft." "Irgendwann muß man die Trennung von Kunst und Leben akzeptieren." Sehr anregend, das alles. Die Arbeit macht also Spaß, von gelegentlich strukturell bedingtem Fremdschämen abgesehen, aber bald ist ja Weihnachten. Deshalb der Meister.
(gießen, den 12. november 2009) Blood on the Tracks. Robert Enke ist tot. Tragödie? Eine Tragödie ist seine Hölle, seine Krankheit und seine Sackgassen. Und die trockengeheulte und mutig sich selbst befreiende schwarze Witwe. Sonst? Ein bißchen Tabubrechen: Huch, es gibt Depressionen auch im Fußballgeschäft. Ach? Sonst? Öffentlich zelebrierte Trauer ohne Ende als Religionsersatz und Geschäft. Eigentlich zum Kotzen. Ich könnte schweigen zu diesem Thema, aber: Mein Vater, unter derselben Krankheit leidend, hat sich vor nun bald 36 Jahren – damals nannte man Psychiater noch Irrenärzte – umgebracht. Ich war da knappe 16 Jahre alt. Er hat mir, meiner Familie und vielen Menschen, die mit mir länger zu tun hatten, ein gewaltiges und kaum zu erwürgendes Gespenst mit auf den Lebensweg gegeben. Mein Gott, wieviel Arbeit es war meinen Vater post mortem zu verstehen, ihm zu verzeihen und nicht allen Verlustschmerz wegzukiffen und wegzusaufen und wegzuwüten oder gar ihm nachzureisen. Es bleibt in solchen Stunden des medialen Dauerbeschusses nur das Deja vu. Und die Frage: Muß man die Türe so zuschlagen, daß das Resthaus gleich mit zusammenbricht? Who`s going to clean the tracks later?
(weimar, den 1. november 2009)
Und morgen? Bevor ich mich ab Mitte November daran beteilige entweder "unschuldige Kinderaugen zum Glänzen zu bringen" (offizielle Verlautbarung des ZK) oder "halslose kleine verzogene Ungeheuer zu bespaßen" (Originalton Unbekannte Dissidenten), um dann ab Ende des Monats auf der Bühne des zwanzigjährigen deutschen Jubiläums zu gedenken, bin ich mit der Besten ein paar Tage gen Osten gefahren. Kultururlaub sozusagen. Wartburg. Dresden. Weimar. Sehr schön. Große historische Halden und Löcher. Man muß aufpassen, daß man nicht zu schnell und zu viel vergißt.
(gießen, den 29. oktober 2009) Gestern Premiere "Die große Erzählung". Dienstags! 10 Uhr! Ob das so muß? Erste Presse: "...strotzt vor theatralischer Erfindungsgabe. Das hat Regisseur Christian Lugerth genau erfasst und bietet eine bis ins kleinste Detail ausgefeilte Inszenierung." (Gießener Allgemeine)
Sowie: "In einer kurzweiligen, lebendig - witzigen Inszenierung von Christian Lugerth hatte das Stück Premiere im TiL, der Studiobühne des Stadttheater Gießen." (Wetzlarer Neue Zeitung)
Hier mehr unter Pressestimmen.
Erfreulich angesichts - wie der Produktionsdramaturg und Schauspielchef es so schön formulierte - "nicht gerade opulenter Produktionsbedingungen." Die Arbeit mit den Beteiligten hat dennoch sehr viel Spaß gemacht und mir bleibt nichts als, auch an dieser Stelle, allen dafür zu danken. Die Begleitumstände der Premiere - siehe Pressestimmen - hinterlassen leider einen etwas traurigen Beigeschmack. Da gilt es nachzubessern in der Betreuung der Veranstaltung. Jetzt aber erstmal ein paar Tage nach Dresden. Ach, dann war da noch das.
