AKTUELLES

(gießen, der 19. februar 2010) Ich habe ja die Sparte "Aktuelles" immer mal wieder als Fenster zur Welt jenseits der Bühnenrampe benutzt. Diesen Job übernimmt ab heute ein kleiner Freund. Glück auf, Archibald. Ein letzter Link zur Restwelt und damit Überleitung zu einem neuen Theaterstück, welches mir die Welt da draußen letzten November in die Tastatur diktiert hat. Jetzt ist die Zeit vorhanden es zu schreiben. Der Arbeitstitel: "Der Lokführer hatte irgendwann die Schnauze voll." Oder
ich beschäftige mich mit dieser traurigen (?) Geschichte. Was eine undurchsichtige graue Eminenz, einstens zu Oppenheim.
(berlin, den 9. februar 2010) Ein paar Tage Hauptstadt. Ein amüsant sinnfreies Casting. Es ist schweinekalt. Im fahlblauen Ostwindlicht steht das Kanzleramt als gebe es eine osteuropäische Kommandozentrale aus vermeintlich untergegangener Zeit. Hinter den Mauern verteidigt die kleine Frau mit den hängenden Mundwinkeln den Status quo des Landes. Vor allem aber ihren eigenen. In allen Organen der Verlautbarung kräht ununterbrochen der kleine gelbe Radauvogel: „Ich bin der Größte, ich bin der Wichtigste.“ Es erscheint vertraut. Draußen eiern und schlittern die Passanten auf ungeräumten Wegen über zentimeterdicke Eisplatten. Die Chirurgen finden keinen Schlaf. Auf dem Dorotheenfriedhof der dicke Schnee um Heiner Müllers Grabstele zertrampelt von Pilgersohlen.
(gießen, den 27. januar 2010) Am letzten Samstag Premiere von Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ und das Ende einer Zeitreise in doppelter Hinsicht. Zum einen Beschäftigung mit der Geschichte der versunkenen oder übernommenen oder zerbrochenen oder kümmerlich verreckten anderen Hälfte unseres Landes sowie den vorausgegangenen Kriegen und so mit der Geschichte großer Teile meiner Familie. Zum anderen nach über drei Jahren die Begegnung mit beruflicher Vergangenheit und damit wesentlich verquickten Menschen. In vielerlei Hinsicht eine intensive und produktive Probenzeit und ein Ergebnis, welches am Premierenabend auf aufmerksame und offene Kundschaft traf. Ich mochte das alles. Die widersprüchlichen Pressestimmen und die weiteren Vorstellungstermine hier und noch eine lobende Netzkritik da.
In diesem Zusammenhang und weil ich von ganz anderer Seite gebeten wurde Meinung zu äußern zur journalistischen Einschätzung des Premierenabends: Ich halte nicht viel von dem in Theaterkreisen gelegentlich kursierendem Bedürfnis die Kritiker zu kritisieren. Denen ist ihr Job, ich wiederum spiele oder inszeniere und versuche fliegende Verbaltomaten nicht persönlich zu nehmen. Geht inzwischen gut. Remember!
Und: Gerne hätte ich hier von der nächsten Aufgabe berichtet, einer im letzten Oktober eigentlich angedachten Inszenierung in Kiel. Aber da schlug - nicht nur - die Verarmung der Stadt Kiel und eine so nicht zu Stande gekommene Finanzspritze negativ ins Kontor. Auf den Herbst verschoben das Ganze. Bin ich jetzt ein Opfer der Finanzkrise? Wie meinen doch Oliver Kahn und Hermann Schein: „Immer weiter, immer weiter.“ Danke übrigens, Hermann, für den Kroaten.
Und Pernell Roberts ist gestorben. Mein ganz persönlicher „Man in Black“. Ruhe in Frieden, Adam Cartwright.
(gießen, den 31. dezember 2009)
Das Jahr 2009 war für mich ein Gutes. Anständig Arbeit, überwiegend Spaß, ausreichend Geld und privat keinerlei Klagen. Aber im Sinne Erich Kästners, der mal bemerkte:
„Wer vergißt, was schlimm war, wird dumm!“, eine kleine Jahresabschlußgeschichte. Unlängst besuchte ich einen Kollegen, der an einem der Feiertage zweimal auf die Bühne mußte: arbeiten. Die Wartezeit zwischen den Vorstellungen sollte ihm und seinen Mitstreitern durch ein kleines Buffet versüßt werden und er lud mich ein doch einfach mitzukommen und daran teilzunehmen. Also betrat ich das Theater durch den Diensteingang und wurde in den Keller des Hauses geführt. Dort stand in einer Art Zwischenraum oder Flur, dessen Wänden uralte Spinde der Marke Bundeswehr zierten und an dessen Decke liebevoll isolierte Lüftungsrohre rauschten, ein ebenso historischer Resopaltisch, dazu etwa sechs Stühle (für an die 30 bis 40 Mitarbeiter). Auf einer Art Beistell- oder Tapeziertisch befanden sich zwei riesige Kochtöpfe, der eine gefüllt mit einer Mischung aus erkalteten Rind- und Schweinswürstchen, letztere alle der Länge nach aufgeplatzt, im anderen lagen bunt gemischt Wienerle und Weißwürste, wobei die zweiten eine grün–bräunliche Färbung angenommen hatten, weil ihnen ja bekanntermaßen ein Aufenthalt außerhalb von simmernden Wasser gar nicht gut tut. Das liebevolle Arrangement vollendeten eine Thermoskanne mit Kaffee, eine aufgerissene Papiertüte mit Brötchen, Senf und Ketchup in Familienpackungsgröße und ein paar Flaschen Apfelsaftschorle vom Discounter. Das Ganze atmete die Atmosphäre eines Überganglagers für ausreisewillige DDR - Bürger Mitte der Achtzigerjahre. Ich blickte meinem Kollegen in die etwas irritierten Augen und fragte: „Sag mal, glaubst Du das, wer Lebensmittel so mißhandelt, auch so Theater macht?“ Er boxte mich in die Rippen und wir gingen in ein naheliegendes Cafe. Ich wünsche allen, die hier vorbeischauen ein Neues
Jahr, in dem Lieblosigkeit, Wurstigkeit und alle Arten der taktischen Vergesslichkeit nicht ihren Weg kreuzen. Und bleibt gesund.
