KRITIKEN

FLÜCHTEN ODER STANDHALTEN

»Jeder Mensch braucht äußerliche Stärkung, um seelisch und körperlich Gleichgewicht zu erreichen.« So tönt es aus dem Lautsprecher. Auf der Bühne: eine Leinwand – ein Trümmerfeld – vom Krieg verwüstet. »Wer nicht leiden will, muss hassen!« Davon war der Psychoanalytiker, Psychosomatiker, Mediziner und Sozialphilosoph Horst Eberhard Richter überzeugt. Wie ein roter Faden durchzieht die Suche nach einem neuen Umgang mit dem Leiden sein Werk, das weit über Gießen hinaus strahlte. Mit einer facettenreichen Collage setzen nun, sechs Jahre nach seinem Tod, Christian Lugerth als Dramaturg und Matthias Schubert als Co-Autor, dem Erfinder des »Gießen-Tests« ein Denkmal unter dem Titel »Flüchten oder Standhalten«. (...) Das Stück selbst wird zum Gießen-Test. Während »Horst« auf einem Stuhl über allen thront, äußern sich Ehefrau Bergrun, die ihm widerwillig nach Gießen folgt, und zwei der drei Kinder. Die Methode der Selbst- und Fremdeinschätzung einer Gruppe oder Einzelner wird zur Blaupause dieses Lebens-Stücks. Nach der Gefangenschaft wieder in der Heimatstadt Berlin erfährt er, dass die Eltern, die auf seinen Rat die Stadt verließen, auf dem Land von betrunkenen russischen Soldaten ermordet wurden. Er lernt Bergrun kennen, mit der er bis zu seinem Tod 2011 sein Leben teilt. Gießen sei ihr nie zur Heimat geworden, hört man die betagte Dame sagen. Auf der Bühne ist sie stets an der Seite ihres Mannes, geht mit ihm mal im Zentrum des Geschehens, mal an der Seite stehend, durch die Jahrzehnte bewegter deutscher Geschichte. Durch die »Aufbruchsstimmung« der 50er Jahre in die aufrührerischen 60er Jahre, in denen Richter den Lehrstuhl der Psychosomatik, als zweite Wahl, annimmt, während Bergrun unter »Umzugsdepressionen« leidet. In einem Glaskasten zitiert Richter sich selbst. »Wir können die Gesellschaft nur verändern, wenn wir uns selbst verändern.« Der Gießen-Test, dem sich auf der Bühne die Familie Richter unterziehen muss, wird zum Höhepunkt. Die 70er und 80er Jahre brechen an und der mittlerweile erfolgreiche Buchautor wird zu einer Ikone der Friedensbewegung – singt mit Iring Fetscher, Margarete Mitscherlich und Alice Schwarzer »Das weiche Wasser bricht den Stein.« »Gutmensch« ist nur eines der Siegel, die ihm auch auf der Bühne verliehen werden. Zutiefst verwoben war Richter mit Gießen. Im Projekt »Eulenkopf« engagiert er sich im sozialen Brennpunkt, während die RAF sich radikalisiert und darin eine »Stabilisierung des Systems« sieht. Das Stück macht als persönlicher Streifzug diese Widersprüchlichkeiten sichtbar. (...)

(Gießener Allgemeine)

 

Liebe Redaktion.

In Ihre Besprechung des Richter - Projekts "Flüchten oder Standhalten" haben sich doch einige gravierende Fehler eingeschlichen.

Zum einen habe ich den Abend als Regisseur betreut und nicht als Dramaturg. Dazu habe ich mit dem Dramaturgen Mathias Schubert zusammen die Spielvorlage verfasst.

Zum anderen hat - wie es Ihre Bildunterschrift vermuten lässt - nicht Christian Keul den Sohn gespielt, sondern Maximilian Schmidt. Christian Keul war für die musikalische Einrichtung zuständig.

Und zu guter Letzt heißt das von Ihnen in Überschrift und Text zitierte Lied von Rio Reiser nicht "Der Krieg ist nicht zu Ende", sondern "Der Krieg, er ist nicht tot, er schläft nur!"

Ich bitte Sie höflichst dies zu berichtigen.

Mit liebem Gruß

Christian Lugerth (nach Lesen obiger Kritik per Mail)

 

"Der Krieg ist nicht tot, er schläft nur". Dieses todtraurige Lied von Rio Reiser erklingt am Ende der szenischen Produktion "Flüchten oder Standhalten" über das Werk und das Vermächtnis von Horst-Eberhard Richter. Auch am Anfang des Theaterabends steht der Krieg, Bilder von 1945 aus dem zerstörten Berlin. Das hinterlässt eine gedrückte Stimmung, weil es nur allzu zu gut in die gefährdete politische Lage der Gegenwart passt. Euphorie brach deshalb am Ende des Premierenabends in der Studiobühne taT nicht aus. Gleichwohl lang anhaltender, anerkennender Applaus für Christian Lugerth (Inszenierung) und Matthias Schubert (Dramaturgie) sowie die vier Darsteller Marlene Sophie Haagen, Barbara Stollhans, Ulrich Cyran und Maximilian Schmidt. Es ist ein mutiges Vorhaben, das umfangreiche Lebenswerk dieses agilen, ambitionierten Mannes in einem 80-Minuten-Theaterstück auf die Bühne zu bringen. Arzt, Psychoanalytiker, Begründer des psychosomatischen Instituts - die Arbeit Richters ist eng mit Gießen verbunden. Hier wirkte er als Professor, hier engagierte er sich in sozialen Projekten wie am Eulenkopf. Zugleich prägte er wie kaum ein anderer die deutsche Friedensbewegung. "Das Fehlende ist eine Tatsache, dessen wir uns bewusst sind", sagt deshalb gleich zu Beginn die Stimme von Christian Lugerth aus dem Off." (...) Unbekannte Bilder aus dem Gießen der 50er und 60er Jahre vermitteln einen Eindruck der Stadt, wie sie damals ausgesehen hat. Die gelungenen Videoprojektionen und Toneinspielungen sind Antonia Alessia Virginia Beeskow zu verdanken. Das Bühnenbild mit Stühlen, Tischen, und Bänken, die flexibel einsetzbar sind als Einrichtung für ein Wohnzimmer, einen Hörsaal oder ein Analytikerzimmer hat sich Denise Schneider einfallen lassen. Insgesamt haben Lugerth und Schubert 17 Szenen zusammengestellt. Nicht fehlen darf dabei der "Gießen-Test", der dem Stück auch den Untertitel gibt: Selbstbild-Fremdbild, wie weit können diese doch auseinanderliegen. Die Schauspieler bringen dieses Phänomen unter einer großen Zahlenskala deutlich zum Ausdruck. Die geliebte Schweizer Bergwelt ist auf der Bühne verkleinert wiederzufinden als ein Holzturm mit Leiter, hier rezitiert Richter Erinnerungen, das Matterhorn ist im Hintergrund auf einem Lichtbild zu sehen, Noch eine andere Szene: Boxend bringen sich die jungen Leute einige wichtige Aussagen aus dem Klassiker "Die Gruppe" näher. Amüsant und lehrreich erweist sich "Der SPD-Flüsterer": Brandt, Schmidt und Lafontaine auf der Couch. Allzu turbulent wird es beim Versuch "dem Neoliberalismus zu trotzen"."Flüchten oder Standhalten" ist im Grund eine Werkschau aus den 50 ungemein kreativen Jahren Richters in Gießen, von denen nicht nur seine Bücher zeugen, sondern auch Zeitungsartikel, Fernsehausschnitte und Berichte von Zeitgenossen.

(Gießener Anzeiger)

 

Es ist ein geradezu mutiges Vorhaben, das umfangreiche Lebenswerk dieses agilen und ambitionierten Mannes in einem 80-Minuten-Theaterstück auf die Bühne zu bringen. Arzt, Psychoanalytiker, Begründer des psychosomatischen Instituts - die Arbeit Richters ist eng mit Gießen verbunden. Hier wirkte er als Professor, hier engagierte er sich in sozialen Projekten. Zugleich prägte er die deutsche Friedensbewegung mit.

Zwei junge Leute stürmen auf die Bühne. Die junge Frau (lebhaft und präsent: Marlene-Sophie Haagen) liest die Lebensdaten von Horst-Eberhard Richter vor. Aufmerksam spielt der junge Maximilian Schmidt den Freund, Kommilitonen, Studenten. Eine riesige Bücherwand ist im Hintergrund auf der Leinwand zu sehen. "Die Gruppe", "Flüchten oder Standhalten", "Engagierte Analysen", um einige zu nennen. Zu hören sind in dieser ersten Szene auch Nachrufe von 2011/2012.

Gießens Ehrenbürger Horst-Eberhard Richter ist am 19. Dezember 2011 gestorben. Er wäre gern auf dem Alten Friedhof beerdigt worden. Die Stadt ließ sich viel Zeit mit der Genehmigung, ist im Programmheft zu lesen. Als sie erfolgte, hatte sich die Familie bereits für den Berliner Waldfriedhof entschieden. (...)

(Wetzlarer Neue Zeitung)

 

ANSICHTEN EINES CLOWNS

"Er könnte auch einfach eine der Schnapsdrosseln im Karneval sein, wie er da hereinstolpert, der Blick vernebelt unter der strohgelben Perücke, die Schritte unsicher, die Flasche griffbereit auf dem Podest, das Ivan Dentler im Komödianten - Theater reicht als Spielort für Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns. Drei Stufen wie der klägliche Rest einer Showtreppe, ein enggezogener Raum, der die Egozentrik des Helden ebenso andeutet wie seine von gesellschaftlicher Norm, Bigotterie und Obrigkeit begrenzten Möglichkeiten.

Und Hans Schnier, dieser triste Clown, meint es ernst mit seiner Lebens- und Liebeserzählung auf der Bahnhofstreppe in Bonn, die das Theater Die Komödianten in einer von den Erben Heinrich Bölls autorisierten Monologfassung auf die Bühne bringt. Im Beisein des Sohnes René Böll, der nach der Premiere sichtlich angetan in den lang anhaltenden Schlußapplaus einfiel.

Regisseur Christian Lugerth und Ivan Dentler haben den 1963 erschienenen Roman über den Aussteiger Schnier (...) geschickt auf einige Schlüsselepisoden verdichtet. Und Ivan Dentler läßt die Geschichte dieses Clowns als Episodensammlung aus verschiedenen Perspektiven Revue passieren, eingespannt in eine Art Selbstbefragung: "Was bist Du eigentlich für ein Mensch? (...) Zwischen Einst und Jetzt flirrt der Roman, den Böll in einem einzigen erzählten Tag entfaltet; und in Lugerths schnörkellos realistischer Inszenierung verschwimmt Schniers Erleben mit seinen Puzzleteilchen zu verstörender Gleichzeitigkeit. (...) Die religiöse Enge, die Widersprüche und der Muff der Adenauerzeit, in der die Nazis bruchlos ihren Platz fanden, scheinen dabei weniger fern, als man glauben könnte. Und es liegt ein Rest von Aufbegehren darin, wie Dentler diesen ermatteten Widerspenstigen und unverbesserlich Liebesbekümmerten zeigt. Zu klein fürs tragische Endspiel, aber auch größer als die Trauer. Am Ende hat er vielleicht doch eine Aufgabe: "Ich bin ein Clown, ich sammle Augenblicke.""

(Kieler Nachrichten)

 

"Der Clown trägt eine gelbe Perücke und einen zerknitterten, schwarzen Frack, schwankt betrunken, stolpert auf den Treppenstufen und rappelt sich wieder auf. Nach einigen Momenten des umständlichen Herumhantierens könnte die Vorstellung eigentlich beginnen, doch, nein, die Blase drückt, der Künstler muss erst noch zur Toilette.

So beginnen die "Ansichten eines Clowns" in der Inszenierung von Christian Lugerth auf der taT-Studiobühne. Als der Roman von Heinrich Böll 1963 erschien, war dies in der jungen Bundesrepublik ein Skandal. Aus der Perspektive eines Außenseiters, eines Desillusionierten, prangerte das Buch die katholische Kirche und ihre verlogene Moral, die Verdrängung der Vergangenheit und eine restaurierte Gesellschaft an, in der die alten Nazis wieder fest im Sattel saßen. Nun ist die Generalabrechnung des verbitterten Clowns als Bühnenadaption zu erleben: In einem großen, anderthalbstündigen Monolog wütet Ivan Dentler als Hans Schnier gegen Gott und die Welt - eine bewundernswerte Leistung. (...)

Auf einem Treppenpodest mit Gitarre, Schnapsflasche und Hut erzählt er von seiner großen Liebe Marie, mit der er einige Jahre ohne Trauschein zusammenlebte und die ihn schließlich verlassen hat, um als gute Katholikin endlich einen Katholiken zu heiraten. Er erzählt von seinen reichen Eltern - glühende Nazis - aus einer Bonner Braunkohle-Dynastie, die in den letzten Kriegstagen die Tochter Henriette in den sicheren Flakhelfer-Tod haben ziehen lassen. Und in zwanghaft wiederkehrenden Einschüben arbeitet er sich an der katholischen Kirche ab. Dazu erklingen in kurzen Einspielungen Militär-, Zirkus- und Karnevalsmärsche, brausende Orgelklänge und Glockengeläut. So rundet sich das Bild.

Auch wenn gerade für jüngere Besucher die Adenauer-Ära weit weg sein mag und manche vielleicht noch nie etwas von Böll gelesen haben, so zeigte doch der überaus herzliche Schlussapplaus, dass Dentler sein Publikum zu bannen versteht. Vieles bei Böll erscheint heute antiquiert, überholt, aber damals war es eine nötige Stimme. Das macht dieser Theaterabend deutlich."

(Gießener Anzeiger)

 

"Auch wenn Ivan Dentler zu Beginn seines Auftritts im Theaterstudio die Erstausgabe von Heinrich Bölls »Ansichten eines Clowns« zerreißt: Sein gleichnamiges Monodrama tut dem Werk des Literaturnobelpreisträgers keine Gewalt an. Ganz im Gegenteil. Es ist eine Hommage an einen Roman, der zwar von scheinbar überholten Themen erzählt, aber mit seiner Frage nach dem Wesen von Liebe und Freiheit auch heute noch Weltliteratur ist. Das Premierenpublikum war erkennbar begeistert. Der Gießener Regisseur Christian Lugerth und Schauspieler Ivan Dentler von der Komödie in Kiel haben Bölls Roman zur Episodensammlung verdichtet und daraus einen eineinhalbstündigen Theaterabend gemacht: intensiv und auf dem Punkt. (...)

Lugerth und Dentler haben Personal und Episoden des Romans forsch gestrichen und so die Essenz des Textes geschaffen. Es tut gut zu sehen, wie sehr die beiden der erzählerischen Kraft Bölls vertrauen. Auch wenn sich heute niemand mehr gegen solch engstirnige Moralvorstellungen oder den Einfluss der Kirche im Privaten auflehnen muss – Hans Schniers Kampf um Eigenständigkeit und Freiheit bleibt von zentraler Bedeutung. Was bin ich eigentlich für ein Mensch? Diese Frage schwingt mit – und sie stellt sich auch seinem Publikum im echten Leben, in dem es noch immer die Angepassten leichter haben als die Individualisten, in dem aber zugleich das Hohelied der Selbstverwirklichung gesungen wird."

(Gießener Allgemeine)

 

"(...) Grandios Ivan Dentler, der in einem 90minütigen Monolog - nur unterbrochen von gelegentlichen Geräusch- und Musikeinspielungen oder der Stimme Maries aus dem Off - nicht nur den Abstieg des Hans Schnier miterlebbar macht, sondern auch allen anderen Personen, dem Vater, der Mutter, Kinkel, Fredebeul, dem Prälaten Sommerlath, Marie eine jeweils eigene und unverwechselbare Stimme gibt. Mit großer Deutlichkeit, aber ohne jede Überzeichnung bleibt der Schauspieler, sich hinter den Text zurücknehmend, obwohl sehr dicht am Publikum, immer ganz bei sich, agiert eher verhalten und introvertiert als nach außen gekehrt, und läßt die Böllsche Sprache damit umso stärker wirken, die präzise, dabei schnörkellos und unaufgeregt die Spuren von Menschlichkeit und Unmenschlichkeit nachzeichnet.
Gelungen die Einfälle der Regie, nicht nur die Bühne, sondern das ganze kleine Theater zu bespielen, auch Drastisches nicht zu scheuen, überzeugend die Inszenierung der Dialoge, wenn Schnier als Kinkel mit sich selbst als der gelben Perücke, die er in der rechten Hand weit von sich streckt, Zwiesprache hält, oder bei der Auseinandersetzung mit dem Vater, wobei diesmal der es ist, für den die Clownspuppe steht. Wenn Hans in einem Ausbruch von Wut und Verzweiflung am Ende auf die Puppe losgeht, bleibt es der Deutung des Zuschauers überlassen, ob sich die Aggressionen gegen den Vater richten oder die eigene, selbstgewählte Rolle. Die clownesken Einlagen mal komisch und zum Lachen, meist eher ungelenk und traurig, besonders dann, wenn sich der Protagonist in Dingen versucht, die er eigentlich nicht kann, wie Jonglieren oder Gitarrespielen.(...) Ivan Dentler ist gelungen, was selten gelingt: ein Publikum über einen ganzen Theaterabend vollständig in seinen Bann zu ziehen. Und so waren die stehenden Ovationen am Schluß die logische Folge eines faszinierenden und facettenreichen Spiels. (...) Ganz großes Theater auf kleiner Bühne!!!

(schattenblick)

 

 

"Einige Gedankensplitter zu der Inszenierung von Christian Lugerth bei den „Komödianten“ in Kiel:

Christian Lugerth ist es mit seiner Inszenierung gelungen, die wesentlichen Aspekte des komplexen Romans herauszuarbeiten und durch die geniale Darbietung von Ivan Dentler wurden auch die physisch abwesenden Personen des Romans anwesend und sichtbar.

Es ist eine großartige Leistung als einziger Schauspieler ein ganzes Stück alleine zu bestreiten und so intensiv zu spielen, dass keine Längen entstehen und die abwesenden Personen nicht vermisst wurden, sondern vielleicht sogar in Ihrer Abwesenheit deutlicher wurden, als wenn sie wirklich anwesend gewesen wären.

Auch die Zeitlosigkeit des Stoffes, der ja immerhin über 50 Jahre alt ist, wurde hervorragend transponiert.

Eine rundum gelungene Aufführung. Auch das karge, düstere Bühnenbild, die Requisiten, Kostüm, Tonbandeinspielungen und Maske überzeugten voll und ganz.

Es wäre wünschenswert, wenn diese Aufführung auch an anderen Orten gezeigt werden könnte."

(Von René Böll, per Mail im Februar 2017)

 

 

„Man kann Stück und Inszenierung vorwerfen, sie dresche leeres Stroh, weil die Kämpfe der sechziger Jahre, speziell in ihrer religiösen Variante, längst überholte Vergangenheit seien. Doch obwohl die Bühnenfassung von Heinrich Bölls Roman die eminent politischen Elemente eher ausblendet, blitzt hinter der scheinbar so ganz privaten Tragödie Hans Schniers in freilich veränderter Form immer wieder eine Wirklichkeit auf, die auch in unserem ach so schönen nach-68er-Deutschland von Intoleranz, Engstirnigkeit und Rassismus geprägt ist. So gesehen lassen sich etwa in Frauke Petry und Björn Höcke ebenso Wiedergeburten von Bölls scheinheiligem Prälaten und der unbarmherzigen Nazimutter wie von Salafisten vom Schlage eines Pierre Vogel erkennen. (…) Ivan Dentler ist der traurige Clown Hans Schnier. Eine einzige Requisite, eine Clownspuppe, braucht er als Gegenüber, die er in einer besonders heftigen Auseinandersetzung schüttelt und würgt. Sonst aber misst er ruhelos die kleine Welt der Bühne aus, die zur Metapher seiner Gefangenschaft wird. Sehenswert, wie er blitzschnell vom Jammerlappen zum Wüterich mutiert, wie in stetem Wechsel sich Verzweiflung und Zorn, Hohn und Trauer auf seinem Gesicht und in seiner Körperhaltung abzeichnen. Eben noch der aufrichtige Kämpfer gegen Heuchelei und Bigotterie ist er gleich darauf ein Häufchen Elend.

Seinen Gegnern, den Prälaten, Priestern, hohen Beamten, Industriellen gibt er in seinen endlosen Tiraden in verzerrender, karikierender Form Gestalt und erlaubt ihnen doch ein Stück Authentizität und macht sie nicht vollends zu Pappkameraden, sondern lässt auch in ihrer Kümmerform Menschen aus Fleisch und Blut erkennen.

Nur an Marie, die verlorene Geliebte, wagt er sich nicht heran. Sie existiert lediglich als Stimme und Gesang von Sina Schulz und erscheint in seiner Erinnerung – ein schöner Regieeinfall – lediglich als Klagelied über eine entschwundene Vergangenheit und kaum noch geglaubtes Echo eines verlorenen Glücks.“

(hansen / munk kulturblog für Kiel)

Spielen Sie doch einfach was da steht

"Ach ja, Kulturpessimismus wäre angezeigt. Es gibt junge Menschen, die niemals einen wilden Waldmops in seiner natürlichen Umgebung gesehen haben, die mit dem Satz "früher war mehr Lametta" nichts anfangen können oder die es merkwürdig finden, dass ein Opa seinem Enkelkind ein Atomkraftwerk zu Weihnachten schenkt. Ach ja, die Zeiten ändern sich, Vicco von Bülow ist seit mehr als fünf Jahren tot, seine große Zeit liegt noch um einiges länger zurück.

Aber noch ist nicht alles verloren: Das Freiburger Wallgraben-Theater hält tapfer an einer Tradition fest, die in die Mitte der 1970er Jahre zurückreicht. Damals war es die erste deutschsprachige Schauspiel-Bühne, die Loriot-Sketche aufführen durfte – Heinz Meier, Mitbegründer des Privattheaters und Ensemblemitglied bei Loriot, sei Dank.

Heute kann sich das Publikum bei Regine Effinger und Hans Poeschl bedanken, die wissen, dass dieser Humor zeitlos ist. Loriots Vermögen, das Absurde in der Normalität in Szene zu setzen, ist nach wie vor grandios komisch, entlarvend ohne verletzend zu sein, albern ohne peinlich zu wirken.

"Spielen Sie doch einfach, was da steht", heißt das Programm – und das ist auch die Idee, von der sich Christian Lugerth leiten ließ. Der Regisseur hat Loriots Geschichten von womöglich aus der Zeit gefallenem Beiwerk befreit und sich auf den Kern, auf die zerbröselte zwischenmenschliche Kommunikation, das Aneinander-vorbei-Reden, konzentriert. Sinnfällig wird dies nicht nur im Titel des gut zweistündigen Abends, sondern auch im Bühnenbild auf der Kellerbühne: Das rot-samtene Loriot-Sofa steht als Vergewisserung am Bühnenrand, als Requisiten aber reichen ein paar schlichte Stühle und ein Gazevorhang, mal ein Tisch, mal eine Stele. Und natürlich ein Klavier.

An den Tasten sitzt Jacco Venhuis, der einzige Neuling auf der Wallgraben-Bühne an diesem Abend. Der ausgebildete Gesangspädagoge, Sänger und Logopäde spielt, aber er rezitiert auch und stellt dar. Die anderen Schauspieler sind bewährte Wallgraben-Kräfte: Regine Effinger, Hans Poeschl, Peter Haug-Lamersdorf, Matthias Happach und Natalia Herrera. Sie alle beherrschen die hohe Kunst, das Komische ernst und in perfektem Timing auf die Bühne zu bringen – ob als kurzsichtige Sekretärin, genervte Hausfrau, deren Mann einfach mal nichts tun will, Wahlplakate-Darsteller für alle Parteien, Journalist, dessen Frau Steinbock ist, Professor für die Umwandlung von Frauen in Kaninchen, Eiköchin mit Gefühl, Kunstpfeifer oder Benimmkursteilnehmer. Und das ist nur eine Auswahl. Die Szenen, Zitate und Sketche werden beinahe nahtlos aneinander geschnitten und wirken so wie aus einem Guss.

Dennoch schafft das Publikum häufig, sich schon für einzelne Szenen mit Applaus zu bedanken, und auch der Schlussbeifall ist lang und begeistert. Erleichtert ist zu konstatieren, dass für Kulturpessimismus gar kein Anlass besteht, so lange das Wallgraben-Team dem Ausnahmehumoristen Vicco von Bülow so einfühlsam ein Denkmal baut."

(Badische Zeitung)

LAHN DYLAN KREIS

"Einen mitreißenden, musikalisch energiereichen Auftritt absolvierte am Samstag "Der Lahn-Dylan-Kreis" auf der Bühne des ausverkauften taT. Christian Lugerths souveräne Synthese aus kundiger, erhellender Moderation und knackigem Blues bis Rock ging spürbar in jedes anwesende Bein. Heftig.

Cool in schlabbrige Anzüge mit losen Krawatten gekleidet, gingen Christian Lugerth (Gesang, Gitarre, perfekt sitzender Anzug, großartige rotschwarze Stiefeletten), Florian Neuber (Gitarre), Christian Keul (Keyboards), Volker Seidler (Schlagzeug, ansonsten Tonchef des Stadttheaters), Philipp Lampert (Bass) und als Gast Schauspieler Rainer Hustedt (Saxofon) kundig ans Werk. Nur das häufig eingeblendete rote Pufflicht hätte man getrost weglassen können.

Lugerth, ein ausgewiesener Dylankenner, präsentierte anlässlich des 75. Geburtstags des Musikers charakterisierende und nicht selten ironische, humorvolle Textausschnitte - die Autoren hatten sich zwar friedlich, doch mit einer gewissen heiteren Distanz zum Gegenstand und sich selbst geäußert. Das war immer wissenswert und unterhaltsam, in keiner Sekunde jedoch ehrerbietig.

Die Texte: Lugerth las Texte aus Klaus Theweleits Bob-Dylan-Lesebuch "How Does It Feel" (Andreas Langenbacher, Elke Heidenreich und Konrad Heitkamp) und aus Sam Shepards "Rolling Thunder Logbook". Und dann die Musik (darunter "Just Like A Woman", "Ring Them Bells", "Outlaw Blues"). Lugerth passt exzellent in das Quartett professioneller Musiker. Sein Gitarrenspiel ist korrekt, aber sein Gesang dafür wirklich bemerkenswert. Zum einen bringt er das dylansche Genäsel authentisch rüber, vermeidet dabei aber jeden Anschein mühsamen Kopierens. Vielmehr schafft er seinen ganz persönlichen, ausdrucksvollen Dylansound, dem man profunde Werkkenntnisse sofort anhört: Das knackt.

Die Band, vibrierend vor Spiellust, liefert auch in kleineren Besetzungen nur mit Klavier und Gitarre höchst kundige und werkgetreue Interpretationen, an deren Sensibilität wirklich nichts auszusetzen ist. Das ist einfach sehr gute Musik, und wenn man sich an Lugerths authentisches Genäsel (Dylan klingt ja einfach gräulich) erstmal gewöhnt hat, hat man immer mehr das Gefühl, man höre Dylan zu - oder vielmehr einer kompetenten Interpretation. Da stimmt dann alles. In den zahlreichen knackigen Rocktiteln (als Zugabe nochmal ein sauber gedröhntes "All Along The Watchtower") steigt die Körperspannung auf Höchstwerte, und bei den leiseren Titeln erkennt man umgehend, dass Christian Lugerth einer der wenigen Richtigen ist, um Dylansongs zu singen - zumal mit dieser prachtvollen Band. Der Saalsound war von erfreulicher Ausgeglichenheit. Am Ende: mordsmäßiger, lange anhaltender Applaus, reichlich Zugaben. Nächster Auftritt am Freitag, 18. November, bei Vitos."

(Heiner Schultz / Gießener Anzeiger)

 

"Ohne Zugabe kamen sie nicht von der Bühne. Die Jungs von "Lahn-Dylan-Kreis" mussten zu ihrem Auftrittt am Samstagabend auf der taT Studiobühne in Gießen Nachschlag geben. Rund 60 Zuschauer forderten trampelnd und pfeifend "Mehr".

100 Minuten Bob Dylan bot die Band: Zu den mehr als 20 Stücken zählten "All along the Watchtower", "Million Miles" oder "Down in the Flood". Passend zur Vorweihnachtszeit trugen die Musiker zu Liedern wie "Christmas Blues" oder "Here comes Santa Claus" rote Weihnachtszipfelmützen vor einem Bühnenbild, das mit alten Teppichen, einem alten Sofa, einem zugemüllten Tisch sowie Bier- und Wasserkisten einen typischen Probenraum darstellte. Zu den normalen Songs hieß es allerdings "Zipfelmütze ab, Hut auf!"

Noch festlicher wurde es, als zu "Adeste Fidelis", nur mit Keyboard und Gesang, die übrigen Bandmitglieder selbst gebackene Plätzchen im Publikum verteilten. Doch die Stimmung setzte sich fort: Mit "ein Riesenspaß" kommentierte Bandleader, Regisseur und Schauspieler Christian Lugerth begeistert die Uraufführung einer Miles-Davis-Nummer, als Freejazz zum Thema "Xmas" gestaltet. Ein besonderes Bonbon mit heiterer Weihnachtsstimmung bildete zum Schluss Dylans Lieblingsweihnachtsgedicht "Twas the Night before Christmas", in einer Übersetzung von Erich Kästner.

Schon Tradition ist es zudem, während eines Gigs kürzlich verstorbene Musiker zu würdigen. So ehrte die Band dieses Mal den legendären AC/DC-Gitarrist Malcolm Young mit "Rock'n'Roll Damnation".

Die Band spielte in der Besetzung Christian Lugerth (Gesang, Gitarre und Mundharmonika), Florian Neuber (Leadgitarre), Philipp Lampert (Bass), Volker Seidler (Schlagzeug und Percussion) und Christian Keul (Keyboards und Ukulele).

Wer den Auftritt verpasst hat, bekommt an Weihnachten eine zweite Chance. Am Montag, 25. Dezember, tritt der Lahn-Dylan-Kreis um 20 Uhr erneut auf der taT-Studiobühne am Berliner Platz auf. Karten gibt es im Vorverkauf für 13 (ermäßigt 6) Euro.

Und auch beim Blick aufs nächste Jahr ist Lugerth guter Dinge. Denn das Terminbuch ist schon jetzt nicht mehr leer. Es gibt Anfragen aus Fulda, Göttingen und Freiburg berichtet der Musiker: "Damit erweitern wir unseren Radius." Geplant wird zudem gerade ein Abend in der Vitos-Kapelle mit Songs aus der "christlichen Phase" von Dylan (1979 bis 1981)"

(Markus Bender / Gießener Anzeiger)

GIFT

"Wie weiterleben? Wie damit umgehen? Wie es aushalten? Um einen geliebten Menschen zu trauern bedeutet immer: Eine soeben noch vertraute Welt ist zusammengebrochen, was war ist ab sofort und für alle Zeit unwiderruflich anders. Diese Situation bringt jede und jeden von uns aus dem Gleichgewicht. Aber was das konkret mit uns macht, das ist so unterschiedlich wie wir verschieden sind. Trauer ist individuell. Dennoch: Gibt es Muster? Trauern Frauen grundsätzlich anders als Männer? Ist es so, dass Frauen länger trauern, intensiver, verzweifelter, dass es ihnen schwerer fällt als Männern, in ein neues Leben zu starten, das man sich nicht ausgesucht hat, aber das darauf wartet, gelebt zu werden?

Bei Lot Vekemans Bühnendrama ist das genau so. Der Sohn eines Paares ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Zehn Jahre ist das her. Die Ehe zerbrach bald nach dem Verlust. In Vekemans’ mit dem niederländischen Theaterpreis auszeichneten Stück "Gift", das Christian Lugerth jetzt für die Kammerbühne im Wallgraben-Theater inszenierte, hält die Frau am Schmerz so lange fest, bis von ihrem Leben nur noch der Schmerz übrig ist. Der Mann hat es schließlich in ein anderes Leben geschafft: Er hat noch einmal geheiratet, er wird noch einmal Vater.

Zum ersten Mal seit der Trennung treffen die Frau (Regine Effinger) und der Mann (Hans Poeschl) wieder aufeinander. Der Mann hat den Brief dabei, der ihn in die Friedhofskapelle geführt hat. Darin steht, das Grundwasser des Friedhofs enthalte Gift, nun müssten 200 Tote umgebettet werden. Jacob, der Sohn, ist wohl darunter. Von der Friedhofsverwaltung lässt sich jedoch niemand blicken – der Mann und seine Ex-Frau sind allein an diesem Ort, "der sich gar nicht verändert hat", wie er sinnfrei bemerkt.

Was sich hingegen alles verändert hat – und was eben nicht, das verhandelt das Paar in den nächsten knapp zwei Stunden. Begleitet wird das von merkwürdigen Aktionen: Er rückt Stühle, sie putzt rasend den Boden, auf dem sie nur einen Tropfen Wasser verspritzt hat. Sie weist ihn körperlich zurück – dabei ist in Wahrheit sie es, die das Treffen arrangiert hat. Sehnt sie sich nach ihm?

Der Raum, den Regisseur Lugerth geschaffen hat, ist denkbar karg. Das Kreuz, das in der Friedhofskapelle über dem Eingang leuchtet, wird gleich von ihr ausgeschaltet: kein Trost von dieser Stelle. Die Stühle sind gestapelt, auf einem Tisch in der Ecke stehen Getränke. Die Seitenfenster sind mittels blauer Farbe abgedunkelt, ihre längliche Form erinnert an Sargdeckel. So unbehaust dieser Ort, der stets nur Trauernde beherbergt, nur Weinen hört, nie ein Lachen, so heimatlos erscheinen die beiden Figuren des Stücks.

Dennoch kommen sie einander näher. Nach Ausbrüchen folgt Einlenken. Das tröstliche an "Gift" sind die Dialoge. Das Paar redet miteinander, auch, wenn es zunächst Vorwürfe hagelt, wenn Wut, Verzweiflung, Unverständnis sich Bahn brechen – sie kämpfen mit Worten.

Als Zuschauer lässt sich nur erahnen, wie schwierig es ist, sich als Schauspieler einzulassen in solche existenziellen Situationen. Regine Effinger und Hans Poeschl meistern sie professionell. Die Verletztheit unter erstarrten Gesichtszügen zu verstecken gelingt Effinger eindrucksvoll, doch erst, als ihre Figur auf das Gegenüber zugehen kann, rührt das ans Herz. Poeschl hat es in seiner Rolle womöglich etwas leichter – sein Charakter ist durchlässiger, lebenszugewandter, was gut zu sehen ist. Beiden Schauspielern gelingt es, mit Pausen Zäsuren zu setzen. Ums Aushalten geht es schließlich beim Umgang mit dem Tod. Langer Schlussapplaus." 

(Badische Zeitung)

 

„Schauspieler, die erst einmal nicht auf die Bühne können und stattdessen ratlos von Außen durch blaue, mannshohe Fenster ins karge Betongrau einer Friedhofskapelle stieren – das ist schon mal ein starker, weil symbolträchtiger, aber auch mit leiser Komik durchsetzter Einstieg in die aktuelle Hausproduktion des Wallgraben Theaters (Regie: Christian Lugerth). „Gift. Eine Ehegeschichte“, so der Titel des 2009 mit dem niederländischen Theaterpreis ausgezeichneten Bühnendramas von Autorin Lot Vekemans, in dessen Mittelpunkt Trauer, Über- und Weiterleben steht. (…) Großartig, wie Regine Effinger und Hans Poeschl in den ersten Minuten ihrer Begegnung umeinander herum schleichen, sich beschnüffeln und argwöhnisch belauern, ihre Plätze im Raum und vor allem immer wieder Distanz und Nähe zueinander austarieren. Doch nicht lange und die Falle schnappt zu: schlecht verheilte Narben mit all ihren enttäuschten Erwartungen brechen auf, es hagelt Vorwürfe, Verletzungen und Verdächtigungen, man verdreht jedes Wort und legt es danach auf die Goldwaage, kurz – man hat sich nicht verziehen. Dazwischen vorsichtige Verständigungsversuche, die jedoch allesamt ins Leere laufen, auch wenn sie die alte, starke Verbindung langsam aber stetig nähren. – Es sind dichte, spannungsgeladene Dialoge mit vielen Leerstellen und hilflosen Pausen, die Effinger und Poeschl da sehr lebendig auf die Bühne bringen. (…) Das ist textstarker, psychologischer Realismus, wie er nur noch selten auf Bühnen zu erleben ist. Dass zwischen einem Stapel schwarzer Plastikstühle, Mülleimer und Kaffee-Ecke alles in Bewegung bleibt, ist dem souveränen Schauspiel zu verdanken.(…) – ein starkes Stück, stark gespielt.“

(kulturjoker freiburg)